Tag: Blut

Blutige Schuhe und eine kannibalische Hexe

Eine abgeschnittene Ferse, eine blutige Spindel und eine alte Frau, die Kinder in ihr Haus lockt, um sie zu verspeisen. Wie viel Blut und Gewalt steckt in den traditionellen Märchen der Brüder Grimm?

Eine Mutter bittet ihre Tochter darum, sich die Ferse abzuschneiden, damit ihr Fuß in einen zu engen Schuh passt, ein armes Mädchen, das so lange spinnen muss bis seine Finger blutig sind und eine böse Hexe, die zwei Kinder in ihr Haus lockt, um sie im Ofen zu braten und zu essen. Aschenputtel, Frau Holle und Hänsel und Gretel sind drei Klassiker der Brüder Grimm, die heute noch bekannt sind. Die oben zitierten Textpassagen stammen aus der ersten Auflage der Kinder- und Hausmärchen von 1812.

Es geht nur um Horror

„Es geht nur um Horror und diesem Horror möchte ich ein Ende setzen – zum Schutz der Kinder“, sagt der blonde Mann mit energischer Stimme. Dieter Fleischhauer bezeichnet Märchen wie Rotkäppchen und Aschenputtel als sogenannte ´Gewalt-Märchen´.

Dieter Fleischhauer mit seinem Märchenbuch "Tommis Erlebnisse im Märchenland".
Dieter Fleischhauer hält lächelnd sein Märchenbuch Tommis Erlebnisse im
Märchenland in den Händen.
Foto: Privat.

Er wurde 1961 in München geboren und hatte dort, wie er erzählt, eine behütete Kindheit. Seine Eltern haben ihm und seinen drei Geschwistern frei erfundene Märchen erzählt. Im Kindergarten wurde er unter anderem mit traditionellen Märchen der Brüder Grimm konfrontiert. Nachts habe er die Szenen aus den Märchen vor sich gesehen und Angst gehabt allein in seinem Kinderzimmer zu schlafen, er habe Albträume bekommen und deshalb bei seinen Eltern im Bett geschlafen. Gemeinsam mit seiner Frau Doris, die 2007 verstarb, setzt sich Dieter Fleischhauer seit 1995 zum Kinderschutz gegen ´Gewalt-Märchen´ ein: “Die Märchenwelt ist nicht der Ort, wo Kinder ihre Ängste erleben sollen”. 

Liebe zu Literatur und Märchen

„Ich finde nicht, dass Märchen grausam oder gewaltsam sind“, sagt der ältere Mann mit kratziger Stimme, „ich habe meine Liebe zur Literatur und zu den Märchen entdeckt”. Hans-Jörg Uther, Literaturwissenschaftler und Erzählforscher, ist fasziniert von Märchen und hat sein berufliches Leben unter anderem dem Werk der Brüder Grimm gewidmet. Die wichtigsten Ereignisse zur Geschichte der Kinder- und Hausmärchen sind im Zeitstrahl dargestellt.

Prof. Dr. Hans-Jörg Uther ist ein Experte für die Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm.
Foto: Braun, Stuttgart.

Hans-Jörg Uther wurde 1944 in Herzberg am Harz geboren und habe sich bereits in seiner Kindheit für Märchen interessiert und stapelweise Bücher gelesen. Eigentlich wollte er Gymnasiallehrer werden, doch daraus wurde nichts. Während seines Studiums der Germanistik, Volkskunde und Geschichte in Göttingen wirkte Uther als studentische Hilfskraft am Forschungsprojekt Enzyklopädie des Märchens mit, um Geld zu verdienen. Nach dem ersten Staatsexamen wäre er eigentlich ins Referendariat gegangen, doch die Märchen ließen ihn nicht mehr los. Schließlich wurde er 1973 Redakteur beim besagten Forschungsprojekt. In den 1990er Jahren war Uther Lehrbeauftragter an der Universität Göttingen und an der Universität Essen. Besonders faszinierend findet Hans-Jörg Uther den Überlieferungsprozess von Literatur und „dass Märchen jedes neue Medium wieder erobern“.

Ängste und Albträume

Dieter Fleischhauer ist der Meinung, dass man Kindern auf keinen Fall Märchen der Brüder Grimm vorlesen sollte, denn es handle sich um ´Gewalt-Märchen´, wie er sie selbst nennt. „Gewalt-Märchen sind Märchen, die Kinder mit schrecklichen Szenen, wie zum Beispiel Mord und Totschlag, große Ängste bereiten“, beschreibt Fleischhauer den Begriff mit Nachdruck. Er ist überzeugt davon, dass das Vorlesen von solchen Märchen negative Auswirkungen haben kann: „Die Kinder bekommen Ängste und gehen zu den Eltern ins Bett, Kinder haben Albträume und werden zu Bettnässern“. Außerdem befürchtet er, dass Kinder die Bösewichte aus den Märchen als Idole nehmen könnten und dadurch selbst Gewalt anwenden. Seine Argumentation stützt Fleischhauer auf die Meinungen von Eltern, mit denen er gesprochen hat und auf die Aussage des im Jahr 2013 verstorbenen Pädagogen Werner Glogauer. Glogauer stellte die These auf, dass Gewalt in den Medien einen Einfluss auf kindliches Verhalten habe und soll Fleischhauers Behauptungen in einem persönlichen Gespräch bestätigt haben.

Hans-Jörg Uther ist anderer Meinung und zitiert den Schweizer Literaturwissenschaftler und Erzählforscher Max Lüthi: „´Das Märchen arbeitet sublim´, das heißt es wird nie detailliert geschildert, wenn es um Grausamkeit und Bluttaten geht. Das unterscheidet Märchen zum Beispiel von Horrorfilmen”.

Kinder nehmen Märchen anders wahr

“In den Grimm´schen Märchen wird die Gewalt ganz selten deutlich ausgemalt“, stimmt Oliver Geister zu. Auch er ist großer Märchen-Fan: „Für mich zählen die Märchen der Brüder Grimm zu den besten Märchen, die es überhaupt gibt”. Oliver Geister ist promovierter Pädagoge, Lehrer am Gymnasium Wolbeck und Lehrbeauftragter an der Universität Münster. Sein Forschungsschwerpunkt ist die Märchenpädagogik, welche interdisziplinär in der Pädagogik, Psychologie und Germanistik angesiedelt ist. „Ich glaube, dass Kinder das Grausame nicht als realistische Darstellung einer Grausamkeit begreifen, sondern dass sie das eher symbolisch, metaphorisch verstehen”, meint Oliver Geister. Die Märchenerzählerin Kirsten Stein berichtet aus ihrem Berufsalltag, dass noch nie ein Kind aufgrund eines Märchens geweint habe. Warum sie Märchenerzählerin geworden ist und welche Geschichten sich für Kinder eignen, verrät sie im Video.

Laut Oliver Geister nähmen Kinder die Verbrennung der Hexe in Hänsel und Gretel nicht als grausame Tat, sondern als gebannte Gefahr wahr, weil das Böse vernichtet wird. Wie ein Kind auf ein bestimmtes Märchen reagiert, komme auf das individuelle Kind an, außerdem spielen auch weitere Faktoren eine Rolle. Dass Erwachsene Märchen möglicherweise anders wahrnehmen als Kinder, lasse sich laut Geister auf die ständige Präsenz von Gewaltdarstellungen in den Medien zurückführen, mit denen erwachsene Menschen im Laufe ihrer Sozialisation konfrontiert werden. Jedoch lasse sich diesbezüglich keine pauschale Aussage treffen. 

Im Podcast gibt es weitere Informationen zur Wirkung von Gewalt in Märchen auf Kinder und eine spannende Diskussion mit Oliver Geister und Dieter Fleischhauer, ob man Kindern traditionelle Märchen vorlesen sollte oder nicht.

Einsatz gegen Gewalt-Märchen

Um der Gewalt in Märchen entgegenzuwirken, hatte sich Dieter Fleischhauer 1999 an die Bundesregierung gewandt mit der Forderung nach einem Gesetz, das den Zugang zu Gewalt-Märchen für Kindern verbietet. Die Bundesregierung leitete ihn an den Petitionsausschuss weiter, wo er keinen Erfolg hatte. Im Jahr 2010 wandte er sich an das Jugendamt Augsburg und die Prüfstelle für jugendgefährdende Schriften, die keine Gefahr in Märchen für Kinder sah. Am 17. Oktober desselben Jahres erstattete Fleischhauer Strafanzeige beim Amtsgericht Augsburg gegen das Augsburger Jugendamt, die Prüfstelle für jugendgefährdende Schriften und einen Kinderbuchverlag. Die Strafanzeige wurde am 28. Dezember 2010 seitens der Staatsanwaltschaft mit der Begründung, dass es sich um Kulturgut handele, zurückgewiesen. „Ich bin heute noch enttäuscht. Ich empfinde das als Ungerechtigkeit den Kindern gegenüber“, äußert sich Fleischhauer zum Urteil, „ich verstehe nicht, dass psychische Gewalt für Kinder erlaubt ist und dass es zum Kulturgut gehört“. 1998 hat Dieter Fleischhauer mit seiner Frau Doris, die 2007 verstarb, das Märchen Tommis Erlebnisse im Märchenland geschrieben. Das Ziel der beiden war es „den Kindern eine Freude zu bereiten und zu zeigen, dass es möglich ist gewaltfreie und lehrreiche Märchen zu schreiben“. In dem Buch werden alltägliche Themen behandelt, unter anderem auch die Vorsicht vor Fremden oder im ´Flugverkehr´. Im Märchenbuch heißt es beispielsweise:

„Weil Tommi und Lissi sich ihres Weges nun nicht mehr so ganz sicher waren, erkundigten sie sich bei der bezaubernden Wasserfallfee nach dem Weg zu König Tulu. Als die Fee erklärte, dass sich sein Schloss gleich hinter ihrem Zauberberg befände, wollten die Kinder sofort auf dem Hexenbesen darüber fliegen. Als sie sich auf den Besen gesetzt hatten, wies die Wasserfallfee sie ungern darauf hin, dass das Überfliegen dieses Berges laut Berggeistgesetz strengstens verboten sei“

Fleischhauer, 1998, S. 101

Die Illustrationen seiner Frau beschreibt Dieter Fleischhauer als „farbenfroh und aussagekräftig“. Die Rückmeldungen von Eltern zu dem Buch sind gemischt. Kritik lasse Fleischhauer nicht an sich heran, über positives Feedback freue er sich, besonders wenn er Eltern zum Umdenken bewegen könne. 

Eine bunte Illustration aus dem Buch Tommis Erlebnisse im Märchenland. Bild: Instagram @fleischhauer.dieter.

Ob man seinen Kindern oder Enkelkindern traditionelle Märchen der Brüder Grimm, gewaltfreie Märchen oder andere Geschichten vorlesen möchte, ist eine persönliche Entscheidung, die Jede*r für sich selbst treffen muss. Bärbel Bratzdrum, Kauffrau für Bürokommunikation und Mutter, liest ihren Kindern gern traditionelle Märchen vor. Warum, erzählt sie im Video und ihre Töchter Laura und Antonia verraten ihre Lieblingsmärchen.

Dass Märchen erzählt werden, ist wichtig, denn laut Oliver Geister kann das Märchenerzählen zum Beziehungsaufbau zwischen Eltern und ihren Kindern beitragen und Märchen „können nebenbei noch eine pädagogische Kraft entwickeln“. In einem Punkt sind sich alle einig und Oliver Geister bringt es auf den Punkt: „Märchen sollen Kinder erfreuen“.


Das blutige Märchen-Quiz

Erkennen Sie die Märchen der Brüder Grimm? Im Folgenden werden Ihnen fünf blutige und grausame Szenarien beschrieben. Sie entscheiden, ob es sich um einen Ausschnitt aus einem Märchen, Horrorfilm oder um eine wahre Begebenheit handelt. Warnung: Da es sich um brutale Szenen handelt, ist dieses Quiz nicht für Kinder geeignet.


Quellen

Brüder Grimm (1812): Kinder- und Haus-Märchen. Band 1. Berlin: Realschulbuchhandlung. Online verfügbar unter: https://de.wikisource.org/wiki/Kinder-_und_Haus-M%C3%A4rchen_Band_1_(1812).

Fleischhauer, Dieter (1998): Tommis Erlebnisse im Märchenland. Augsburg: Dietschis Kinderbücher.

Geister, Oliver; Peitz, Christian (2010): Kleine Pädagogik des Märchens: Begriff – Geschichte – Ideen für Erziehung und Unterricht. Baltmannsweiler: Schneider Hohengehren.

Uther, Hans-Jörg (2013): Handbuch zu den „Kinder- und Hausmärchen“ der Brüder Grimm. Entstehung – Wirkung – Interpretation. 2. Auflage. Berlin: Walter de Gruyter.

Eglige Helferlein

Blutegel sind viel mehr als nur eklige Blutsauger. Sie können sowohl Tiere als auch Menschen heilen. Ein Abriss der heilenden Wirkung der Würmer und ihrer Aufzucht.

Mit Strom aufgeladene Metallstreifen laufen am Rand eines großen Wasserbeckens entlang – so, als sollten sie verhindern, dass etwas, das darin lebt, nicht herauskommt. Es wirkt, als sei der Teich lediglich mit rosafarbenen Seerosen gefüllt. Bei genauerem Betrachten wuseln schwarze Würmer im Inneren des Beckens wild umher. Was auf den ersten Blick wie ein Zuchtbecken für Wasserpflanzen aussieht, ist auf den zweiten die Kinderstube von Blutegeln – das ist die Biebertaler Blutegelzucht.

Glitschig, blutrünstig, einfach nur eklig – so werden Blutegel häufig beschrieben. Dabei können sie zahlreiche Erkrankungen heilen, was sich Menschen und Tiere schon seit tausenden von Jahren zu Nutze machen. Das Wort „Egel“ kommt aus dem Griechischen und wird mit „kleine Schlange übersetzt“. Blutegel gehören zu den Ringelwürmern und sind eng mit dem Regenwurm verwandt. Ausgewachsene Egel sind zwischen fünf und zehn Zentimeter lang und messen im hungrigen Zustand den Durchmesser eines Zentimeters. Sattgegessen steigt der Durchmesser auf bis zu drei Zentimeter.

Der Rücken besteht aus 95 Ringeln, wovon die ersten neun bis zehn den Kopf bilden. Dort befinden sich zehn schwarze Augen auf der Rückseite. Auf der Vorderseite liegt der Schlund mit drei Kiefern, die jeweils 80 Kalkzähne zählen.

Trotz ihres gewöhnungsbedürftigen Aussehens können Blutegel bei zahlreichen Erkrankungen eingesetzt werden. Dazu zählen beispielsweise Rheuma, Krampfadern, Tinnitus, Thrombose, Gürtelrose und Furunkel. Auch Tiere könnten beispielsweise von Abszessen, Arthrose und Sportverletzungen befreit werden, erklärt Tierheilpraktikerin Dagmar Gellert. Sie besitzt eine mobile Tierheilpraxis und bietet neben anderen Therapieformen auch die Blutegeltherapie an Tieren an. Sie trägt ein dunkelgrünes T-Shirt, auf welches das Logo ihrer Praxis gedruckt ist und ihren Hund, einen Husky-Mix, hat sie auch mit in das Café gebracht. Gellert erzählt begeistert von der heilenden Wirkung der kleinen Würmer: „Blutegel heilen durch ihren Speichel, den sie beim Beißen in die Wunde abgeben.“ Es wird angenommen, dass dieser aus 30 bis 100 Substanzen besteht, von denen bisher aber nur acht benannt und einigermaßen erforscht sind. Der Speichel wirkt unter anderem entzündungshemmend, schmerzlindernd und verlangsamt die Blutgerinnung.

Beim Ansetzen der Blutegel gibt es verschiedene Techniken, die je nach Präferenzen der Therapeut*innen angewandt werden. Es besteht beispielsweise die Möglichkeit, die zu behandelnde Stelle leicht anzuritzen oder dort mit einer Nadel hineinzustechen, sodass an dieser Stelle Blut austritt. Es gibt außerdem spezielle Lockstoffe, die verteilt werden können, um die Egel anzuziehen. Tierärztin Petra Smital arbeitet an der Tierklinik Oberhaching und bietet ebenfalls die Blutegeltherapie an Tieren an. Sie präferiert es, die Blutegel durch dem Patienten abgenommenes Blut und den Lockstoff anzusetzen.

Gellert setzt auf eine andere Methode: „Ich lasse die Egel die passende Stelle selbst finden. Dafür mache ich das Fell des zu behandelnden Tieres nass und setze die Egel darauf.“ Grund für dieses Vorgehen ist, dass Egel sehr wärmeempfindlich seien und schon leichte Temperaturunterschiede ausmachen könnten. Entzündete Stellen sind in der Regel etwas wärmer als ihre Umgebung und so könnten die Egel diese schnell ohne Hilfe finden. 

Mit ihren drei Kiefern schneiden sich die Blutegel in die Haut und hinterlassen eine „Y“-förmige Wunde. Der Biss an sich ist nicht schmerzhaft und kann mit einem Mückenstich verglichen werden. Der Blutegel saugt zwischen zehn Minuten und drei Stunden, bis er satt ist, dann fällt er von selbst ab. „Die Egel dürfen nicht gewaltsam entfernt werden“, warnt Gellert. „Ansonsten kann es nämlich passieren, dass sie sich vor Schock in die Wunde des Patienten übergeben und so Keime in diese gelangen.“

Falls ein Blutegel bei der Therapie an einem Tier schon über drei Stunden saugt, bereits satt ist, sich aber nicht ablöst, gibt es die Möglichkeit, den Patienten in Bewegung zu bringen. Dann löst sich der Egel meist von selbst. „Grund dafür ist, dass beispielsweise Rinder in der freien Natur instinktiv Wasserstellen aufsuchen, um sich von Blutegeln heilen zu lassen“, erklärt Gellert. „Bewegt sich das Tier, signalisiert das dem Blutegel, dass dieses die Wasserstelle verlässt und so lässt er von selbst von der zu behandelnden Stelle ab“. 

Die Wunde blutet anschließend bei Tieren an die zwölf Stunden nach, wodurch sie sich selbst reinhält. Auch bei Menschen werden medizinische Blutegel eingesetzt, hier kann der Prozess des Nachblutens bis zu 24 Stunden anhalten. Nach einer Blutegeltherapie treten häufig leichte Schwellungen und Juckreiz auf, die sich jedoch wieder legen und normal sind. Außerdem sind allergische Reaktionen möglich, in diesen Fällen sollte die Therapie abgebrochen werden. Gellert verwendete bereits Egel an ihrem eigenen Knie und war mit dem Ergebnis zufrieden. Vergangene Blutegeltherapien an Tieren verliefen ebenfalls problemlos: „Bis jetzt sind die Erfahrungen, die ich mit Blutegeln gemacht habe, durchweg positiv“. Nicht immer problemlos lief es bei Humanheilpraktikerin Edeltraud Musil ab. Sie besitzt eine Naturheilpraxis im oberbayerischen Wielenbach und bietet unter anderem die Blutegeltherapie für Menschen an. Sie ist ebenfalls begeistert von den kleinen Würmern, berichtet aber auch von Komplikationen.

Für die Therapie können nicht einfach Blutegel aus einem Teich in der freien Natur entnommen werden, denn nur wenige Egelarten haben einen medizinischen Nutzen. Deshalb gibt es spezielle Betriebe, die sich der Vermehrung, Aufzucht und dem Verkauf der Würmer widmen, dazu zählt die Blutegelzucht Biebertal. Sie besitzt an die, eigens für die Egelaufzucht angelegte, 50 Teiche. Auch Gellert bezieht ihre Blutegel regelmäßig über die Zucht. Sie greift in ihre Tasche, holt ein kleines Glas mit einem hellgrünen Deckel heraus und stellt es auf den Tisch. Darin schwimmt ein kleiner Blutegel elegant umher. Dass sie sich in einem Café befindet, scheint sie nicht zu stören: „Hier, dieser Blutegel kommt zum Beispiel aus Biebertal“. Die in Hessen nahe Gießen gelegene Blutegelzucht gehört nach Zuchtunternehmen in Russland zu den größten Europas. Der Betrieb begann als soziales Projekt, entwickelte sich jedoch 2008 zu einem wirtschaftlichen Unternehmen, da die Nachfrage nach Blutegeln kontinuierlich anstieg.

„Jährlich verkaufen wir um die 500 000 Blutegel“, erzählt Galatis stolz und zupft sein Poloshirt zurecht, welches das Logo der Biebertaler Blutegelzucht ziert. Mit einem freundlichen Lächeln sitzt er locker zurückgelehnt am Schreibtisch und erzählt begeistert von seinem Betrieb. 150 000 der verkauften Tiere sind selbst gezüchtet. Der Rest ist importiert: „Wir beziehen den Großteil der Blutegel aus dem Donaueinzugsgebiet. Dazu zählen Ungarn, Serbien, Rumänien und Bulgarien, aber auch Tiere aus der Türkei werden importiert.“ Die importierten Blutegel werden in einem 60 Meter langen Gewächshaus in mehreren großen Teichen gehalten.

Blutegel sind Zwitter, zwei geschlechtsreife Tiere können sich dadurch gegenseitig befruchten. Dabei scheiden die Egel eine Eiweißmasse aus, die zu einem Kokon wird, in welchem sich bis zu 30 Eier plus Dotter befinden. „Hier werden diese Kokons vom Ufer der Teiche in den Becken abgesammelt, damit die Tiere unter kontrollierten Bedingungen schlüpfen können“, erklärt Linda Bisping, die Assistentin des Geschäftsführers und zeigt dabei auf die längliche Seite eines mit Seerosen gefüllten Beckens, wo sich ein Streifen Erde befindet.

Die junge Frau trägt einen dunkelblauen Rock und ein rosa Top und erzählt begeistert von der Konkonsammlung, Aufzucht, Fütterung und Verpackung der Blutegel. Die Zucht der Würmer ist ein aufwendiger Prozess, der mehrere Stufen durchläuft, bis diese schließlich verkaufsreif sind. Vom Schlüpfen über die Aufzucht hin zur Fütterung und dem Verkauf haben Geschäftsführer Harald Galatis und die Mitarbeiter*innen der Blutegelzucht einiges zu tun.

Weltweit existieren etwa 600 blutsaugende Egelarten, 15 davon werden im medizinischen Bereich verwendet. Für die Blutegeltherapie werden die Arten „Hirudo medicinalis“ (Medizinischer Blutegel), „Hirudo verbana“ (Mediterraner Medizinischer Blutegel) und „Hirudo orientalis“ (Orientalischer Blutegel) eingesetzt, wobei der „Hirudo orientalis“ hauptsächlich in Osteuropa verwendet wird. Die Biebertaler Blutegelzucht vertreibt momentan die Art „Hirudo verbana“. „Diese Art ist unseres Wissens nach am besten zu vermehren“, erklärt Galatis. Der „Hirudo medicinalis“ wird – obwohl er ursprünglich natürlich in der Region vorkam – nicht verkauft, da er durch Massenexporte und die Gewässerverschmutzung im Zuge der industriellen Revolution ausgerottet wurde.

Bisping rührt mit einem Besen in einem der Becken herum, in dem sich die importierten Blutegel befinden. Schließlich hat sie einen kleinen Wurm erwischt und drapiert in für ein Foto dekorativ auf einem Seerosenblatt.

„Die importierten Egel müssen, nachdem sie bei uns ankommen, in eine achtmonatige Quarantäne. Das bedeutet, sie bekommen in dieser Zeit nichts zu fressen“, sagt Bisping. Durch die Quarantäne soll verhindert werden, dass der Egel noch Krankheitserreger seiner vorherigen Blutmahlzeit in sich trägt. Blutegel können nach einer großen Mahlzeit bis zu zwei Jahre ohne Futter überleben. 

Die geschlüpften Würmer aus der Eigenzucht bewahrt der Betrieb in einem kühlen Raum auf. Dort steht eine Reihe langer Metallregale, die mit großen Gläsern gefüllt ist, in denen sich zahlreiche kleine Egel tummeln. Eine Mitarbeiterin in weißer Kleidung steht zwischen den Regalen und wechselt das Wasser in den Gläsern aus. Mit weißen Gummihandschuhen und einem Sieb sortiert sie zudem tote und verletzte Egel aus.

Die Fütterung der selbstgezüchteten Egel beginnt schon in deren erster Lebenswoche. Hierfür wird Blut in Membrane gefüllt, welche unbehandelten Kondomen ähneln. Alternativ verwendet der Betrieb auch gereinigte Schweinedärme. Das Blut wird anschließend in die Membrane gefüllt. Diese fertigen „Würste“ liegen in einem Eimer für die Egel bereit. Die Würmer werden aus den Gläsern in die Eimer gesetzt und docken sich mit ihren drei Kiefern an. Anschließend saugen sie so lange Blut heraus, bis sie satt sind. „Nach drei Wochen steht die zweite Fütterung an“, erklärt Geschäftsführer Galatis. „Das dauert auch noch nicht lange, da die Egel noch sehr klein sind.“ Die Fütterungsintervalle werden mit fortschreitender Zeit immer größer und dauern schließlich sogar mehrere Monate an. Die Tiere fressen zwischen fünf bis acht Mal, bis sie die verkaufsreife Größe erreicht haben. Verkaufsreif heißt fünf bis zehn Zentimeter groß und ungefähr zwei Jahre alt.

Zu dieser Größe schaffen sie es dank Pferde- oder Rinderblut. Rinderblut wurde zwischenzeitlich aufgrund des Rinderwahns BSE verboten, weswegen die Biebertaler Blutegelzucht auf Pferdeblut umstieg. Seit kurzer Zeit ist die Verfütterung von Rinderblut jedoch wieder zugelassen, was Galatis sehr freut: „Wir haben nun eine Kooperation mit einem Biobauernhof in der Nähe, von dem wir das Rinderblut bekommen. Es eignet sich einfach besser zur Fütterung, da Rinder, wenn sie geschlachtet werden, nicht so alt sind wie Pferde. Außerdem bekommen Pferde in der Regel mehr Medikamente“. Auch Schweineblut testete der Betrieb zur Fütterung, jedoch vertrugen die Blutegel dies nicht gut und wurden krank.

Nachdem die Egel ihre Verkaufsgröße erreicht haben, kommen sie in die Verpackung. Darin stehen mehrere Eimer gefüllt mit hunderten Blutegeln. Die Tiere liegen übereinandern und saugen sich an der Wand der Eimer fest. Am Rand des Eimers befinden sich, genau wie in den Becken, Metallstreifen. „Sie verpassen den Egeln einen leichten Stromstoß, wenn sie versuchen herauszukriechen“, erklärt Bisping.

Bevor die Egel final verpackt werden führt das Personal noch eine Qualitätssicherung durch. Dabei nehmen die Mitarbeiter die Würmer aus den Eimern heraus und untersuchen sie unter anderem nach Wunden oder auffällig trägem Verhalten. Ist die erwünschte Qualität der Blutegel gegeben, kommen sie in ein Leinensäckchen, welches in ein Styroporkästchen gelegt wird, das mit feuchten Schaumstoffwürfeln gefüllt ist. Dann können die Tiere verschickt werden.

Ausgewachsene Egel werden bis zu zehn Zentimeter lang, die Zucht bietet verschiedene Größen an. So gibt es die Auswahl zwischen Mini-Egeln, kleinen und mittelgroßen Würmern. Wie groß die Egel dann jeweils sind, gibt der Betrieb nicht an, da sie immer unterschiedlich groß seien. „Wir haben keine Größenordnung wie beispielsweise bei Schrauben, also vollständig standardisiert und genormt“, sagt Galatis. „Manchmal haben wir bestimmte Größen einfach nicht, da müssen wir halt so frei sein können und eine andere Größe verschicken“. 

Die meisten Blutegel haben keinen weiten Weg vor sich. „Unsere Kunden kommen zu über 90 Prozent aus Deutschland, Österreich und der Schweiz“, zählt Galatis auf. „Wir schicken die Egel aber auch nach Italien, Frankreich, Spanien und in die skandinavischen Länder. Selten zum Beispiel auch nach Chile oder Korea.“ Der Grund hierfür ist die unterschiedliche rechtliche Regelung innerhalb der Länder. In Deutschland fallen Blutegel unter das Arzneimittelgesetz und gelten als Fertigarzneimittel, da die pharmakologische Wirkung als schmerzhemmend nachgewiesen und von einer gerinnungs- und entzündungshemmenden Wirkung auszugehen ist. Nicht in allen Ländern gilt dieses Gesetz für die Würmer, weswegen die Preise der Biebertaler Blutegelzucht für manche Länder vergleichsweise hoch sind und diese somit kein Interesse an den Blutegeln aus Biebertal haben.

Zu den Kunden der Biebertaler Blutegelzucht zählen Ärzt*innen, Tierärzt*innen und Humanheilpraktiker*innen. „Tierheilpraktiker dürfen nicht direkt bei uns bestellen, da sie keine einheitliche Prüfungsordnung haben und somit nicht zu den Heilberufen zählen“, erklärt Galatis. Diese müssen die Blutegel dann über eine Apotheke beziehen. Da die Egel zwar ein apothekenpflichtiges Arzneimittel, jedoch nicht verschreibungspflichtig sind, können auch Privatpersonen die Würmer über die Apotheke bestellen.

Tierheilpraktikerin Dagmar Gellert rät jedoch dringend davon ab, Blutegel ohne jegliche Vorkenntnisse anzuwenden: „Man kann Seminare speziell für die Blutegeltherapie besuchen, das würde ich auch unbedingt empfehlen“. Sie absolvierte bereits ein Seminar zur Blutegeltherapie in der Biebertaler Blutegelzucht. Dies ist wichtig, da beispielsweise bei der privaten Haltung – im Blutegelfachjargon: Hälterung – einige Dinge beachtet werden müssen. „Die Blutegel sollten kühl gelagert werden“, erklärt Gellert. „Ich bewahre sie in einem großen Weckglas mit frischem Wasser und Steinen auf“. Die Steine sind wichtig, da der Egel regelmäßig eine Schleimhülle abstreift. Ohne die Steine kann er diese nicht entfernen und dadurch können sich Einschnürungen bilden, an denen der Egel im schlimmsten Fall erstickt. Viele Ärzt*innen und Heilpraktiker*innen setzen zudem auf bestimmte Bedingungen des Wassers, wie zum Beispiel, dass es abgekocht sein muss. Gellert hält davon nicht viel: „Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es egal ist, welches Wasser man verwendet. Normales Leitungswasser reicht vollkommen aus.“

Nachdem Blutegel an Mensch oder Tier angesetzt wurden, finden sie häufig kein gutes Ende. Es ist Vorschrift, dass die Tiere nach der Anwendung entsorgt werden. Da die Würmer als Fertigarzneimittel gelten, fallen sie unter die Kategorie „Abfälle aus dem medizinischen Bereich“ und müssen dementsprechend beseitigt werden. Grund hierfür ist die mögliche Gefahr von Krankheitsübertragungen bei erneutem Ansetzen, obwohl dies laut Galatis und Gellert bis jetzt noch nicht nachgewiesen werden konnte. Um den Würmern ein möglichst stressarmes Ableben zu ermöglichen, wird empfohlen, sie nach Gebrauch einzufrieren. „Sie fallen durch die Kälte in eine Stoffwechselruhe, da dadurch simuliert wird, dass sie sich in einem Teich befinden, der im Winter zufriert“, erklärt Gellert. Sie können aber auch in Alkohol oder kochendes Wasser eingelegt werden.

Alternativ bietet die Biebertaler Blutegelzucht die Möglichkeit an, die Tiere kostenpflichtig zurückzuschicken. Diese werden dann für acht Monate in der Lebenshilfe Gießen gepflegt und in einen Teich Luftlinie ungefähr fünf Kilometer von der Zucht entfernt ausgesetzt. In diesem sogenannten Rentnerteich werden die Tiere zwar nicht mehr gefüttert, sie können sich jedoch von Fischen, Vögeln oder Amphibien im Gewässer ernähren. Bei regelmäßigen Mahlzeiten können die Würmer an die 30 Jahre alt werden. Galatis selbst sieht die Entsorgung nach einmaliger Anwendung skeptisch: „Blutegel sind Lebewesen und deshalb schützenswert. Außerdem stehen sie auf der Liste des Washingtoner Artenschutzabkommens als gefährdete Tiere und wir Menschen erlauben uns den Luxus, jedes Jahr hunderttausende Egel zu töten. Deswegen finde ich den Rentnerteich die beste Lösung zur Entsorgung.“ In dem ehemaligen Fischteich mit ruhiger, separater Lage, hindern auch keine Metallstreifen die Blutegel, ihre Rentnerstube zu verlassen.