Alles Fake

Alles Fake

Ein bewusstloser Mann mit grünen, langen Haaren und verschmierter Clown-Schminke liegt auf der Motorhaube eines zerstörten Polizeiautos. Es ist dunkel – mitten in der Nacht.

Sein Name: Arthur Fleck, auch bekannt als der Joker. Blutige Wunden überziehen sein Gesicht. Er wacht aus seiner Bewusstlosigkeit auf, hustet Blut, richtet vorsichtig seinen Kopf auf und schaut sich um. Eine Menge  maskierter Menschen steht um ihn herum, klatscht und gestikuliert wild mit den Armen. Langsam steht Arthur Fleck auf, nimmt die Zeige- und Mittelfinger beider Hände in den Mund und malt sich ein blutiges Grinsen in das Gesicht. Mit ausgebreiteten Armen und blutiger Fratze lächelt er in die Menge.

Mit dieser Filmszene endet der 2019 in die Kinos gekommene Film Joker. Das Blut, das dem Schauspieler Joaquin Phoenix in der Szene aus dem Mund läuft, ist nicht echt. 

Die Person, die Joaquin Phoenix die blutigen Wunden verpasst hat, heißt Nicki Ledermann. Sie arbeitet als professionelle Maskenbildnerin und hat durch ihren Beruf ziemlich oft mit Kunstblut zu tun. Es ist ein wesentliches Element ihrer Arbeit. Sie verpasst Schauspieler*innen realistisch aussehende Verletzungen und sorgt dafür, dass Blut aus Wunden fließt oder spritzt. Maskenbildner*innen wie sie ermöglichen, dass die blutigen Szenen ihre gewünschte Wirkung erzielen.

Blut ist aus Filmen heutzutage kaum mehr wegzudenken. Selbst aus denen, die auf den ersten Blick gar nicht brutal wirken. „Jeder Film hat irgendwie eine blutige Szene“, so Ledermann. Selbst wenn eine Figur nur eine kleine Schramme hat, wird dem Zuschauer durch das Auftragen von Kunstblut vermittelt, es handle sich um echtes Blut.

Von München nach New York

Die Münchnerin Nicki Ledermann lebt seit 1988 in New York und hat schon bei über 70 Filmen und Serien mitgewirkt. Zuletzt bei Projekten wie dem Film Joker oder dem ebenfalls 2019 erschienen Film The Irishman. Andere bekannte Filme, in denen sie die Maske gemacht hat, sind beispielsweise Get Smart, Der Teufel trägt Prada oder Inside Llewyn Davis von den Coen Brothers. Nicki Ledermann hat es geschafft, an die Spitze zu kommen und sich einen Namen als Maskenbildnerin zu machen. Das wird auch durch die zahlreichen Nominierungen für Filmpreise deutlich, die die 52-Jährige bereits für ihr Handwerk erhielt. Für die Maske in dem Film Joker wurde sie unter anderem für den Oscar und für den British Academy Film Award nominiert. Für die Emmy Awards war sie bereits sechsmal unter den Nominierten, einmal gewann sie für die Serie Boardwalk Empire. Die Liste  ist lang.  Die Liste an Filmen und Serien, in denen sie mitgewirkt hat ebenfalls. Und fast immer kommt Kunstblut zum Einsatz.

In den meisten Filmen fließt Berliner Kunstblut

Bevor das Blut auf den Kinoleinwänden spritzen kann, muss es natürlich hergestellt werden. Der größte Kunstblut-Hersteller weltweit ist das Berliner Familienunternehmen Kryolan. Hier werden jährlich circa 12.000 Liter der roten Flüssigkeit hergestellt und anschließend in die ganze Welt ausgeliefert. Schon viele weltbekannte Hollywoodschauspieler*innen bluteten mit dem Berliner Kunstblut. Teilweise haben Regisseur*innen Extrawünsche, denen Kryolan nachgeht. „Für ein Theaterstück musste unser sogenanntes Treppenblut entwickelt werden, welches bestimmte Fließeigenschaften über eine Treppe hat“, so Lorenz Koch. Er organisiert die Auftragsabwicklung und ist für die Technik im Unternehmen zuständig.

In dem Berliner Familienbetrieb werden circa 50 verschiedene Blutsorten produziert
Bild: Lorenz Koch

Für jede blutige Angelegenheit hat der Berliner Familienbetrieb das passende Blut: Insgesamt produziert Kryolan circa fünfzig verschiedene Sorten. Obwohl es in der Fabrik so blutig zugeht, sei laut Koch noch niemand dort umgekippt. „Das Kunstblut hat weder den Geruch noch den Geschmack von Blut“, so Koch. Stattdessen schmeckt es manchmal sogar richtig gut: Damit Schauspieler auf einen guten Geschmack kommen, produziert Kryolan verzehrbares Blut mit Erdbeer-, Himbeer- und Zitronengeschmack.

Blutige Filme sind eigentlich nicht so ihr Ding

Das meiste Blut, das ein gewöhnlicher Mensch in seinem Leben fließen sieht, ist wahrscheinlich Kunstblut auf der Kinoleinwand. Je nach Genre und Vorstellung der Regisseure variiert der Einsatz der Körperflüssigkeit. Nicki Ledermann findet, dass weniger Blut manchmal sogar kraftvoller sein kann als der übermäßige Einsatz. Sie selbst schaut gar nicht so gerne blutige Filme.

Ledermann hat sich das meiste ihres Handwerks selbst beigebracht. Sie ist Autodidaktin. „Ich habe in New York an Kursen für Film-Make-up teilgenommen, aber damals gab es noch nicht so viele“, so die 52-Jährige. Sie fing erst an, die Maske bei Musikvideos und Werbespots zu machen, bis sie 1994 bei ihrem ersten bezahlten Film Under The Bridge mitwirkte. Sie konnte in den 90er Jahren viel ausprobieren und dabei einiges für ihre spätere Arbeit mit Hollywoodgrößen mitnehmen. „Das war das Tolle an der Indie-Filmszene der 90er Jahre“, so Ledermann, „die Filmemacher waren selbst sehr jung und wir lernten quasi gleichzeitig unsere Arbeit“.

Ein besonders blutiger Dreh, an den sich Nicki Ledermann erinnert, war der der Krankenhausserie The Knick von Steven Soderbergh. „Wir haben während des Drehs täglich mehrere Liter Blut gebraucht“, so Ledermann, „vor allem, wenn wir Operationen gedreht haben“. In einer Szene wurden Arbeiter eines eingestürzten U-Bahn-Schachts in ein Krankenhaus eingeliefert. Das tropfende Blut wurde immer erst am Set aufgetragen, damit es nicht verschmiert. „Jedes Mal, wenn ich Blut über das Gesicht tropfen ließ, meinte Steven: »mehr Blut, mehr Blut«“, so Ledermann, „da habe ich die ganze Flasche genommen und sie über den Kopf des Schauspielers auslaufen lassen, bis er zufrieden war“. Generell sei es die Aufgabe von Maskenbildner*innen wie Nicki Ledermann, die Vision der Regisseure durch die Maske umzusetzen. Um sich auf einen Dreh vorzubereiten, liest Ledermann zuerst das Drehbuch, um dann zu der Umwelt, der Geschichte, dem Zeitalter und zu den Charakteren zu recherchieren. „Dann zeichne ich oft die Charaktere oder habe verschiedene Fotoreferenzen“, so Ledermann. Aus dem Ganzen macht sie dann ein Buch, das zum Regisseur durchgegeben wird.

Um das Blut richtig einzusetzen, haben Maskenbildner*innen verschiedene Techniken. „Um es kräftig spritzen zu lassen, ist das Beste ein Malerpinsel“, so Ledermann, „man kann aber auch eine Zahnbürste nehmen“. Maskenbildner*innen sind Meister*innen im Improvisieren. Manchmal versteckt Ledermann das Kunstblut in kleinen Tuben unter den Kostümen oder unter Prothesen der Schauspieler, damit es richtig fließt.

Kunstblut kommt nicht nur zum Einsatz, wenn Blut im Theater oder im Kino spritzt: „Zum Beispiel nutzt das Rote Kreuz das Blut zur Unfalldarstellung“, so Lorenz Koch von dem Kunstbluthersteller Kryolan. Das Unternehmen gibt es schon seit 1945. Das erste Interesse der damaligen Gründer*innen galt den aufstrebenden Theatern in Berlin. „Später kam die Filmindustrie hinzu“, so Koch, „die Nachfrage der Kunden führte zur Entwicklung von verschiedenen Produkten, unter anderem auch von Kunstblut“. Neben der roten Flüssigkeit werden hier auch verschiedene Arten von Theaterschminken, Make-up oder Lippenstifte hergestellt.

Der Umgang mit Blut im Film war früher anders

Heutzutage fließt extrem viel Blut in Filmen. Bei Horror- oder Splatterfilmen ist es ein wesentliches Element. Man denke an den Film The Shining von Stanley Kubrick, bei dem den Zuschauer*innen eine riesige Blutwelle entgegen rollt, oder an Cabin in the woods, wo in einer Szene so viel Blut spritzt, dass sich der gesamte Raum des Geschehens rot einfärbt. Der Einsatz von Blut trägt immer eine bestimmte Bedeutung und unterscheidet sich genrespezifisch. Allein schon die Farbgebung kann auf verschiedene Arten interpretiert werden.

Der Umgang mit Blut in Filmen war früher anders. Tatsächlich dauerte es lange, bis so richtig viel Blut auf den Kinoleinwänden floss.

Stefanie Plappert ist Kuratorin im Deutschen Filminstitut und Filmmuseum und beschäftigt sich beruflich fast täglich mit Filmen. Sie hat sich im Rahmen einer Ausstellung mit der Bedeutung der Farbe Rot im Film auseinandergesetzt. Blutige Filme spielten hier ein zentrales Element. Im Podcast erzählt sie, welche Bedeutung Blut im Film hat und wie sich der Einsatz der roten Flüssigkeit im Laufe der Filmgeschichte entwickelt hat.

In welchen Filmen wurde Blut im Laufe der Geschichte eingesetzt? Hier eine kleine Auswahl:

Kunstblut hat eine lange Geschichte

Das erste bekannte Kunstblut wurde in dem Pariser Theater Grand Guignol hergestellt. Es wurde Ende des 19. Jahrhunderts eröffnet und war bekannt für seine brutalen und blutigen Stücke. Hier floss so viel Blut, dass regelmäßig Menschen während den Vorstellungen in Ohnmacht fielen. Die Mitarbeiter*innen des Horror-Theaters rührten insgesamt neun verschiedene Farbtöne an Kunstblut an. Für die rote Farbe des Pariser Kunstblutes sorgte Karmin – ein Farbstoff, der aus Schildläusen gewonnen wird.

In den Schwarz-Weiß-Filmen, in denen Blut zum Einsatz kam, war die Farbe dann nicht mehr relevant. Die Filmemacher*innen griffen zu einer ganz simplen, aber effektiven und auch schmackhaften Alternative: Schokoladensirup. Beispielsweise kam dieses braune Kunstblut in Hitchcocks Film Psycho zum Einsatz. Praktischer Nebeneffekt: Die Flaschen, in denen der Schokoladensirup verkauft wurde, eigneten sich perfekt, um Blutstropfen zu erzeugen. 

In farbigen Filmen authentisches Blut darzustellen, war eine wesentlich kompliziertere Angelegenheit. In den 60er und 70er Jahren wurde oft ein Kunstblut namens Kensington Gore benutzt, welches von einem britischen Apotheker entwickelt wurde. Das bekannteste und meistgenutzte Rezept für Kunstblut stammt allerdings von dem Maskenbildner Dick Smith. Sein Filmblut kam beispielsweise in Martin Scorseses Drama Taxi Driver zum Einsatz.

Die Rezeptur von Dick Smith hat die Kunstblutherstellung in Hollywood maßgeblich beeinflusst. Als Basis für sein Rezept dient Maissirup. Außerdem ist das Netzmittel Kodak Photo-Flo, das zur Entwicklung von Fotofilmen verwendet wird, in seinem Blut enthalten. Das machte das Ganze nicht nur zu einer blutigen, sondern auch zu einer giftigen Angelegenheit

In diesem Interviewausschnitt aus dem Jahre 1996 erzählt der Maskenbildner von den Herausforderungen, die er mit Kunstblut hatte – bevor er sein eigenes entwickelte.

Heute gibt es zahlreiche, nicht giftige Abwandlungen von Dick Smiths Rezept. Wie genau in der Berliner Firma Kryolan das Blut hergestellt wird, will Lorenz Koch allerdings nicht verraten. „Wir wollen da nicht zu sehr ins Detail gehen, aber es sind eine Menge unterschiedlicher Farbstoffe und Glyzerin enthalten“, so Koch.

Gibt es bald nur noch digitales Kunstblut?

In einigen neueren Filmen besteht das spritzende Blut nicht mehr aus Glyzerin, sondern nur noch aus Pixeln. Mit Computer Generated Imagery (CGI) lässt sich mittlerweile realistisch aussehendes Blut einfach mit dem Computer herstellen. Ein Vorteil des digitalen Kunstblutes liegt auf der Hand: Am Filmset wird einfach nicht mehr so viel herumgesaut. Nicki Ledermann findet die Arbeit mit Kunstblut auch gar nicht so einfach: „Kunstblut verschmiert leicht und ist oft schwer sauber zu machen“. Vor allem könne es die Haut oder das Kostüm verfärben, wenn man nicht vorsichtig arbeitet. Ledermann gibt zu, dass CGI den Maskenbildner*innen viel Arbeit abgenommen habe. „CGI hat schon seinen Platz, man kann Blut präziser laufen lassen und es muss nicht nach jedem Take alles sauber gemacht werden“, so Ledermann. Grundsätzlich sei computergeneriertes Blut allerdings nach wie vor sehr teuer und manche blutigen Szenen lassen sich einfach schneller und billiger mit dem klassischen Kunstblut umsetzen. Lorenz Koch ist, was sein Kunstblut angeht, guter Dinge: „Wir sehen auch weiterhin gute Chancen für unser Blut, nicht alles lässt sich animieren“.

Das blutige Lächeln des Jokers wurde übrigens auch mit dem Computer generiert.                 

Der Grund? Bei jedem Take sah die blutige Fratze gleich aus.  

Konnte sich im Zuge seiner Recherche einer seiner Lieblingsbeschäftigungen widmen: Filme schauen.

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